Food-Addiction /
Nahrungsmittel-Sucht

Suchtähnliches Essverhalten:

Gibt es eine Diagnose?

 
  • Suchtähnliches Essverhalten ist derzeit noch keine offiziell anerkannte Diagnose in den internationalen Klassifikationssystemen (ICD-11 oder DSM-5). Gleichzeitig wächst die wissenschaftliche Evidenz, dass bestimmte Formen des Essverhaltens die Kriterien einer Substanzgebrauchsstörung erfüllen können.

  • Menschen konsumieren bestimmte Lebensmittel in einer Weise, die Craving, Kontrollverlust und Konsum trotz negativer Folgen umfasst – also zentrale Merkmale von Sucht.

    Die Forschung geht nicht davon aus, dass „Essen an sich“ oder alle Lebensmittel süchtig machen, sondern dass insbesondere verarbeitete, industriell hergestellte Nahrungsmittel (z. B. Zucker, Mehl, Fett-Salz-Kombinationen) ein hohes Suchtpotenzial haben.

    Suchtähnliches Essen wird darüber hinaus zum Beispiel im Zusammenhang mit “Volumenessen” (“volume eating”) beschrieben, bei dem grosse Mengen von Lebensmitteln gegessen werden. Ebenso wird untersucht, ob biologische Mechanismen wie Kasomorphine in Milchprodukten eine Rolle spielen können: Diese Eiweissfragmente wirken auf das endogene Opioidsystem im Gehirn, das für Wohlbefinden und Belohnung zuständig ist, und können dadurch beruhigende oder belohnende Effekte auslösen.

  • 2023 bis 2025 wurde mit Fachpersonen aus mehreren Ländern ein Expertenkonsens erarbeitet. Ein Teil dieser Arbeit umfasste auch formale Einreichungen bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Rahmen des ICD‑Klassifikationsprozesses. Dabei wurden Vorschläge zur Anerkennung von „Störungen durch schädlichen Gebrauch bestimmter Lebensmittel“ als eigenständige Kategorie eingebracht.

    Dieser Austausch zeigt, dass das Thema auf internationaler Ebene aktiv diskutiert und strukturiert bearbeitet wird – mit dem Ziel, in zukünftigen Versionen der Klassifikationssysteme berücksichtigt zu werden.

    Dabei wurde nach langen Diskussionen der Fokus auf ultra-hochverarbeitete Lebensmittel gelegt:
    Im Konsensprozess wurde bewusst ein engerer Fokus gewählt (z. B. „Ultra-processed Food Use Disorder“). Dies nicht weil nur bei diesen Lebensmitteln Suchtpotential gesehen wird, sondern weil dies wissenschaftlich klarer abgrenzbarer ist und mit einer solchen Bezeichnung die Chancen erhöht sind, eine offizielle Anerkennung in Klassifikationssystemen wie ICD oder DSM zu erreichen. Gleichzeitig besteht Einigkeit, dass auch andere verarbeitete Lebensmittel und / oder Zusatzstoffe suchtähnliches Verhalten auslösen können.

  • Suchtähnliches Essverhalten kann gemeinsam mit Essstörungen wie Bulimie oder Binge-Eating-Störung auftreten, muss es aber nicht. Manche Betroffene zeigen klassische Essstörungssymptome, andere eher suchtähnliche Muster ohne typische Bulimie- oder Binge-Verhalten.

    Wichtig ist: Beide Phänomene können sich gegenseitig verstärken, z. B. durch Kontrollverlust, Craving oder emotionales Essen. Daher ist eine individuelle und ganzheitliche Betrachtung entscheidend, um passende Therapieansätze zu finden.

  • Die Yale Food Addiction Scale (YFAS) ist ein wissenschaftlich etabliertes Instrument, um suchtähnliches Essverhalten zu messen. Sie basiert auf den Kriterien für Substanzabhängigkeit und erfasst z. B.:

    • Craving (starkes Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln)

    • Kontrollverlust beim Essen

    • Fortgesetzter Konsum trotz negativer Folgen

    Die Skala wird häufig in der Forschung und klinischen Praxis eingesetzt, insbesondere für hochverarbeitete Lebensmittel, die laut NOVA-Klassifikation besonders belohnend wirken können. Die aktuelle Version YFAS 2.0 ermöglicht eine differenzierte Einschätzung verschiedener Suchtmerkmale und deren Schweregrad.

    Mit der YFAS können Wissenschaftler:innen und Therapeut:innen erkennen, ob ein süchtiges Muster vorliegt und wie stark es ausgeprägt ist – eine wichtige Grundlage für individuelle Therapieplanung.

Podcast Food Junkies, Folge 214

Dr. Kim Dennis, Fachärztin für Psychiatrie, Suchtmedizinerin und Expertin für Essstörungen, spricht über Ultra-Processed Food Use Disorder und deren Zusammenhang mit Essstörungen, Trauma und psychischer Gesundheit.

In diesem Interview erfahren Sie:

  • Wie bestimmte Lebensmittel Stimmung, Angst und körperliches Wohlbefinden beeinflussen

  • Warum Behandlungsansätze weiterentwickelt werden sollten

  • Unterschiedliche Therapieansätze: klassische Behandlung, Schadensminimierung, abstinenzbasierte Methoden

  • Bedeutung von traumasensibler und individueller Begleitung

  • Aktuelle Kontroversen, neue Forschung und innovative Ansätze für bessere Langzeitergebnisse

 

Podcast Food Junkies Episode 214: Dr. Kim Dennis - The Future of Ultra-Processed Food Use Disorder & Eating Disorder Treatment